KW20 | 17.05.2026

„Golden memories“ – für an Demenz Erkrankte

Eine App, die hilft sich zu Erinnern und ins Gespräch zu kommen

Carmen Pérez Gonzáles und Jako Plaß (hinten) stellen die mitgebrachten Postkarten vor, um miteinander ins Gespräch zu kommen. (Foto: db)

(Ro./PK) Wie können moderne Technologien dabei helfen, Menschen, die an Demenz erkrankt sind, emotional zu erreichen und ihre Lebensqualität zu verbessern, dergestalt, dass diese Menschen sich im Gespräch öffnen und sich über ihre Gefühle und Gedanken austauschen können? Der Weg zur Beantwortung dieser Frage ist verschlungen und endet aktuell in Wuppertal-Ronsdorf. Aber begonnen hat diese Geschichte in Spanien.
Dr. Carmen Pérez Gonzáles, Astrophysikerin, Fotohistorikerin und Lehrbeauftragte im Fach Geschichte der Bergischen Universität in Wuppertal stammt aus Salamanca, einer kleinen Großstadt im Südwes­ten Spaniens mit rund 146.000 Einwohnern.
Die Initialzündung für das Projekt „Golden memories“ war, dass Dr. Pérez Gonzáles innerhalb ihrer eigenen Familie mehrere Demenzdiagnosen erlebte. Sie bemerkte, dass das Betrachten von Fotoalben das Erinnerungsvermögen wachrief, was für die erkrankten Menschen hilfreich war. „Fotos erwecken Erinnerungen Über manche Bilder sprechen die erkrankten Menschen zwei Stunden lang“, weiß sie. Sie entwickelte daraufhin Fotospiele, die man als „Memories“ bezeichnen kann, Suchspiele, bei denen es gilt, zwei identische Fotos zu finden. Als Wissenschaftlerin fragte sie sich, wie man diese Erkenntnis nutzen könnte, und zwar über ihre Heimat hinaus.
Zu Hilfe kam ihr ausgerechnet die Pandemie. Denn die Kontaktbeschränkungen durch Corona führten dazu, dass ein Austausch mit den Demenzerkrankten nicht mehr möglich war. Ein Freund, der ebenfalls Fotohistoriker ist, brachte sie auf die Idee, eine App zu erstellen. Aber Pérez Gonzáles hatte kein digitales Know how und wandte sich an eine Agentur: die Düsseldorfer Design-Agentur Milkmonkey. Die Verbindung zur Agentur bezeichnet sie heute als „sehr großes Glück“.
Die von der Agentur entwi­ckelte App „Golden memories“ ist bis heute nicht-kommerziell und absolut kostenlos zugänglich. Sie sorgt dafür, dass man relativ leicht Fotos hochladen, gegebenenfalls sortieren und in digitalen Alben sammeln kann. Und man kann mit ihr spielen – Memory – in verschiedenen Größen und Schwierigkeitsgraden. Auch alte Postkarten können bei der Erinnerung eine Rolle spielen. Die App funktioniert in drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Spanisch.
Durch die Arbeit von Pérez Gonzáles an der Bergischen Universität in Wuppertal kam dieses bahnbrechende Projekt nach Deutschland. Da gab es im Universitätsarchiv eine Sammlung von mehr als 500.000 Negativen und zahllosen Abzügen und Zeitungsausschnitten des ehemaligen Pressefotografen Kurt Keil, die sich für dieses Projekt hervorragend nutzen ließen. Um es kurz zu machen: So wird das Projekt „Golden memories“ ab April 2026 in verschiedenen Wuppertaler Altenheimen und Tagespflegeeinrichtungen angeboten.
So auch im Christlichen Altenheim Friedenshort in Ronsdorf. An vier Vormittagen – einmal pro Woche – kommen Dr. Carmen Pérez Gonzáles und der Geschichtsstudent Jako Plaß, der seine Masterarbeit über das Projekt schreiben wird, in das Altenheim und zeigen den interessierten Menschen Bilder. Dies geschieht in vier unterschiedlichen Herangehensweisen:
• Fotos aus der Kurt-Keil-Sammlung werden gezeigt
• Die Bilder werden durch einen Beamer auf eine Wand projiziert
• Es werden Postkarten gezeigt, verbunden mit der Möglichkeit, zu schreiben
• Es wird interaktiv, indem man den Teilnehmenden Tablets gibt. Mit der App akönnen die Fotos aufgerufen werden.
Die Ergebnisse sind bereits nach sehr kurzer Zeit spürbar und zum Teil mehr als erstaunlich. Eine Frau sagte zu Beginn, dass sie „nur so“ mitmache, sie habe in ihrem Leben nichts erlebt. Und zehn Minuten später redete sie über ihre Zeit als Missionarin in Namibia, wo sie lange gelebt hatte. Eine andere Frau begann, auf Spanisch (!) zu schreiben. Sie hat mal – dutzende Jahre sind seither vergangen – einen Urlaub in Spanien verbracht und dies gelernt. Ein anderer Mann, zunächst teilnahmslos und uninteressiert, taute nach einem Foto, auf dem eine Schwebebahn zu sehen war, auf und rief laut: „Unsere Kinder haben in der Schwebebahn geheiratet!“ Eine Frau erinnerte sich an ein Foto ihrer hochschwangeren Mutter, andere an einen Besuch in einer Badeanstalt, der mit Nasenbluten geendet hatte.
Die an Demenz erkrankten Menschen in den teilnehmenden Gruppen wurden – zumindest für kurze Zeit – aus ihrer Krankheit gezogen. Sie haben Spaß am Austausch und sprechen gerne über ihre Erinnerungen. Das darf man getrost als sehr großen Erfolg verbuchen.
Wie das Projekt „Golden memories“ nach Ablauf der vier Wochen in Ronsdorf weitergeht, wird sich zeigen.
Wer sich darüberhinaus mit „Golden memories“ beschäftigen möchte, kann dies hier tun: golden-memories.de

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