KW32 | 09.08.2026

Ein asiatischer Sommersturm

Wenying Wu eröffnete den Orgelsommer

Wenying Wu nach ihrem Konzert in der Kirche im Tannenhof – erschöpft, aber zu Recht zufrieden. (Foto: PK)

(Lü./PK) Der Orgelsommer in der Kirche der Evangelischen Stiftung Tannenhof hat begonnen. An jedem Augustmittwoch beginnt um 19.00 Uhr ein Konzert auf oder mit der Orgel. Die in Japan geborene und in Shanghai aufgewachsene Musikerin Wenying Wu eröffnete den Orgelsommer mit einem leidenschaftlichen Programm.
Bedenkt man das Alter der Organistin (geb. 1995) muss man dem Spiel von Wenying Wu eine außergewöhnliche Reife attestieren. Sie entstaubte alte Meister wie Dietrich Buxtehude (Toccata in d, BuxWV 155 u.a.) und Johann Pachelbel (Ciacona in d) mit ihrer mitreißenden, virtuosen und herzvollen Art des Orgelspiels. Sie spielte einige Frauenkompositionen aus der Romantik wie Präludium und Fuge Nr. 2 von Clara Schumann und ein Postludium in G von Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy. Und als sei die Begegnung von Barock und Romantik noch nicht genug, fügte der asiatische Wirbelwind noch zeitgenössische Kompositionen hinzu und schuf so einen großen musikalischen „Eintopf“, der hervorragend mundete. Der deutsch-iranische Komponist Ramin Djawadi hat mit dem Hautthema der Fantasy-Serie „Game of thrones“ eine bemerkenswerte Musik geschaffen: Eingängig und einzigartig, eine Melodielinie, die auf drei Tönen basiert, die sich immerzu wiederholen. Von Frank Stanzl, 1970 in Heidelberg geboren, kann man Ähnliches behaupten. Sein „Puls II“ besticht durch einen hypnotischen und teilweise ungeraden Rhythmus. Wenying Wu fügte auch Musik aus ihrem Heimatland in das Programm ein: ein Tanz des Yao-Volkes, der sich nahtlos eingliederte. Und mit Joseph Bonnets Konzertvariationen schloss der offizielle Teil des Konzertes hochvirtuos. Dass sich die Künstlerin nach dieser Tour de force das hoch beanspruchte Handgelenk hielt, dürfte verständlich sein.
Die Virtuosität Wus blieb jedoch nie inhaltslos, wie es von so manchen sogenannten Musikstars aus Asien zuweilen zu hören ist, die Geschwindigkeit für wichtiger als Ausdruck halten. Wenying Wu behält beim Spiel immer eine Portion Herzblut, das man hören kann. Auch dann, wenn es wie bei Stanzl oder besonders bei Bonnet an die Grenze der Spielbarkeit geht. Dass die Musikerin auch ganz anders kann, bewies sie in der vom Publikum stürmisch geforderten Zugabe, einem nachdenklichen, ja melancholischen Stück des Barockkomponisten und Bach-Zeitgenossen Georg Böhm.
Am kommenden Mittwoch (12. August) wird es mit Jonathan Manderla und Maximilian Berzon ein Konzert mit 20 Fingern und vier Füßen geben. Unter anderem werden die beiden Musiker über eine Bach-Komposition improvisieren.

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