KW05 | 01.02.2026

„Dem Geist der Menschen-Feindlichkeit begegnen“

Parteien, Kirchen und Vereine gedachten der Opfer des Nationalsozialismus

Der Chor „Musik 74“ hatte drei stimmungsvolle Lieder für den Gedenktag vorbereitet. (Foto: LMP)

(Ro./LMP) Auf ihrem unaufhaltsamen Vormarsch gegen Hitlerdeutschland befreiten Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 die 7.600 verbliebenen Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Vereinten Nationen erklärten diesen Tag 2005 zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“. Bereits 1996 proklamierte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum in Deutschland gesetzlich verankerten „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“.
So betonte Uwe Schuchhardt als Sprecher der Naturfreunde Wuppertal bei der Gedenkveranstaltung am vergangenen Dienstag auf dem Bandwirkerplatz, dass auch Angehörige der Arbeiterbewegung zu den Opfern des NS-Regimes gehörten. Er verlas die Namen Ronsdorfer Familien und Bür­ger:innen, die auf der Gedenktafel am Aufgang zum Bandwirkerplatz oder auf einem der 13 Stolpersteine im Ronsdorfer Stadtgebiet nachzulesen sind. Schuchhardt hob das Schicksal von Paul Wülfrath hervor, der als Mitbegründer der Naturfreunde in Ronsdorf und Mitglied der KPD zu den politisch Verfolgten in Nazideutschland gehörte und die Gräuel im KZ Kemna und Börgermoor erleben musste. Er wurde schließlich in ein Strafbataillon der Wehrmacht gezwungen und fiel 1944 an der Ostfront.
Paul Wülfraths Sohn – der 1941 geborene Ronsdorfer Rezitator und Lyriker Günter Wülfrath – sorgte im Anschluss daran für einen Moment bedrückender Stille im dicht gedrängt stehenden Publikum auf dem Bandwirkerplatz, als er ein von ihm verfasstes Gedicht vortrug, das den im Jahr 2013 vor seinem Geburtshaus niedergelegten Gedenkstolperstein mit dem Namen seines Vaters zum Inhalt hat.
Der Chor der Reformierten Gemeinde „Musik 74“, der die Gedenkveranstaltung mit dem Lied „Freunde, dass der Mandelzweig…“ – ein 1942 vom deutsch-israelischen Rabbiner Schalom Ben-Chorin verfasster Text, der 1981 von Fritz Baltruweit vertont wurde – eröffnet hatte, beeindruckte unter der Leitung von Silke Schneider anschließend mit dem als Kanon vorgetragenen hebräischen Lied „Shalom aleichem“ („Friede sei mit euch“), bevor Pfarrer Dr. Jochen Denker die Hauptrede an diesem frühen Abend hielt.
„Jede Generation hat das Recht, ihre eigenen Fehler zu machen, aber sie hat auch die Pflicht, die ihrer Vorfahren nicht zu wiederholen“, erklärte Denker und stellte damit heraus, worum es an solchen Gedenktagen gehe: „Es geht nicht nur darum, dass wir nicht vergessen, was war, es geht um unsere Gegenwart und Zukunft.“ Er hob unter anderem auf den bekannten, von Pfarrer Martin Niemöller verfassten Text ab, den Uwe Schuchhardt bereits zuvor in seiner Rede rezitiert hatte und mit den Worten „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, denn ich war ja kein Kommunist“ beginnt: „Wenn sich eine Gesellschaft entsolidarisiert, wenn meine Empathie und mein Verantwortungsbewusstsein nur der eigenen Gruppe gilt, der eigenen Partei, der eigenen Kirche, der eigenen Meinungsblase, dem eigenen Volk – was immer man darunter versteht – wenn die Würde des Menschen nicht mehr unantastbar ist, nicht mehr unteilbar, dann steht unsere Demokratie auf der Kippe.“
Seit Jahrzehnten habe er den Satz „Wehret den Anfängen!“ gehört und gesagt. Über diese „Anfänge“ sei man jedoch inzwischen hinaus. „Kehrt um!“, sei die Botschaft heute. „Wendet euch einander wieder zu! Erkennt im Menschen, selbst im euch fremden, euren Mitmenschen. Dazu gehört, dass wir nicht aufhören, aufzustehen und laut zu widersprechen, wenn wir dem Geist der Menschenfeindlichkeit begegnen, in der Politik, auf der Straße, im ‚Netz‘, in den Kneipen – und in uns selbst. Widersprechen – nicht schweigen.“ Darüber hinaus sei es aber auch wichtig, wieder miteinander in Kontakt zu kommen, betonte Denker. Daher dürfe man nicht nur „widersprechen“, man müsse auch „wieder sprechen“: „Geben wir die, die uns sagen, dass sie mit der AfD sympathisieren, nicht auf. Wir dürfen und müssen nicht nur widersprechen – wir müssen wieder sprechen und einander zuhören und die Basis wieder aufbauen, auf der wir zusammenleben können, auch wenn wir nicht einer Meinung sind. Das ist anstrengend und setzt gegenseitigen Willen voraus – und dafür ist jede und jeder selbst verantwortlich. Lasst es bei euch daran nicht fehlen“, appellierte der Pfarrer in seiner eindrucksvollen Rede: „Angesichts der Menschen, die ihr Leben verloren, weil andere sich weigerten, ihre Mitmenschen zu sein, sagen wir: ‚Wir machen es anders‘.“
Dann stimmte der Chor „Musik 74“ den seinerzeit von Pete Seeger adaptierten Gospelsong „We shall overcome“ an. Es gab kaum jemanden unter den Teilnehmenden der Veranstaltung, der dieses Lied, das spätestens in der Version von Joan Baez zur Hymne der Gewerkschafts- und der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wurde, nicht mitgesungen hätte – ein ergreifender Moment der Gemeinsamkeit und Solidarität im unaufhörlich herniedergehenden Nieselregen an diesem frühen Abend auf dem Bandwirkerplatz – und der stimmungsvolle Abschluss einer tief berührenden Gedenkveranstaltung.

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