KW42 | 18.10.2026

Anders als gewöhnlich

Peter Klohs trat in der Bücherstube auf

(Foto: db)

(Ro./LMP) Peter Klohs, in Lüttringhausen lebender Autor, profunder Musikkenner und Journalist – er schreibt für das SonntagsBlatt – sorgte am Donnerstagabend für eine der ungewöhnlichsten Lesungen der diesjährigen LIT.ronsdorf. So begann er den Abend in der bis auf den letzten Gästestuhl vollbesetzten „Ronsdorfer Bücherstube“ mit einer fünfminütigen Schweigesequenz. Zu den melancholischen Neoklassik-Klängen des niederländischen Pianisten Joep Beving saß Klohs, ganz in sich versunken, auf seinem Platz. Dann erhob er zum ersten Mal seine Stimme und rezitierte den Text „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem 80er-Jahre-Song von Heinz Rudolf Kunze. Das Stück handelt bekanntlich von echten Emotionen, die falschen „Beziehungen“ gegenübergestellt werden.
Dass nicht immer alles so sein muss, wie es auf den ersten Blick scheint, war denn auch das Thema der ersten gelesenen Geschichte an diesem Abend. „Der Trödler“ – eine Klohs-Story aus der 2015 von Christian Oelemann herausgegebenen An­thologie „Paternoster“ – handelt von einem Antiquitätenhändler, der in seinem kleinen Laden seinem vermeintlichen Peiniger aus dem Krieg begegnet. Aber handelt es sich wirklich um den Mann, der ihm vor 70 Jahren die Kniescheibe zerschoss? Schließlich verwechselt der alte Trödler doch auch die im Radio gespielte „Arabeske“ von Robert Schumann mit dessen „Kreisleriana“?
Im Vorfeld des Abends munkelte man bereits, dass Peter Klohs bei dieser Lesung nicht nur lesen, sondern auch singen würde. Und er tat es wirklich. Den zweiten Teil des Abends begann er mit einer a cappella vorgetragenen Interpretation von Pink Floyds „Wish you were here“. „Ich wünschte, du wärst hier“: eine gelungene Überleitung in die titellose Geschichte, die in Klohs’ 2015 erschienenem Buch „Geschichten aus dem Duden“ unter dem Stichwort „Sammeln“ aufgeführt ist. In der Story geht es um einen Mann, der in der Trauer um seine am Tag zuvor beerdigte Frau in die Einsamkeit eines niederländischen Küstenorts flüchtet und dort auf einen obskuren „Sammler“ von Geräuschen trifft. Als sich der Protagonist der Handlung – und die Zuhörenden der Lesung – gerade mit der Idee dieser ungewöhnlichen Sammelleidenschaft angefreundet haben, werden sie mit einem gruselig-erschreckenden Ende kon­frontiert, das beinahe schon Stephen-King-Qualität hat.
Manches entfaltet eben erst dadurch seine Wirkung, dass es „anders“ als „gewöhnlich“ ist. Das zeigte Peter Klohs auch an den im Rahmen der Lesung immer wieder eingestreuten Beispielen aus der Musikwelt. „Music was my first love“ – der eigentliche Titel der Lesung – entstammt dem Song „Music“ von John Miles und überraschte das Publikum 1976 mit einem für die Ohren ungewohnten 7/4-Takt, ebenso wie bereits 1975 die „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Den Einsatz eines derartig „ungeraden“ Taktes hatte 1957 bereits Dave Brubeck mit seinem „Take Five“ im 5/4-Takt gewagt.
„Anders“ als „gewöhnlich“ – das war unter dem Strich auch die beeindruckende Lesung von Peter Klohs, der mit sämtlichen Komponenten seines Vortrags, seinen unerwarteten Wendungen und seiner manchmal etwas verstörend anmutenden Performance an diesem Abend beinahe schon ein Gesamtkunstwerk schuf.

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