KW39 | 27.09.2026

Es braucht Zuversicht, um ins Handeln zu kommen

Journalist und Autor Jürgen Wiebicke referierte in der Reformierten Gemeinde

Jürgen Wiebicke referierte in der Reformierten Gemeinde über Möglichkeiten, in Krisenzeiten das emotionale Gleichgewicht zu halten. (Foto: LMP)

(Ro./LMP) Wie schafft man es, in einer Welt, die sich gerade in einem radikalen Umbruch befindet, Sicherheit und Zuversicht zurückzugewinnen? Diese Frage bewegte am Mittwochabend an die 200 Menschen, die der Einladung ins Reformierte Gemeindehaus an der Kurfürstenstraße zu einem Vortrag mit dem Titel „Im Krisenmodus Balance halten“ gefolgt waren. Zu Gast an diesem Abend war der Kölner Journalist und Autor Jürgen Wiebi-cke. Der 64-Jährige studierteGermanistik und Philosophie und ist seit über 40 Jahren beim Hörfunk aktiv. Seine philosophischen Gedanken und Ansätze hat er inzwischen in mehreren Büchern festgehalten – zum Beispiel 2023 in „Emotionale Gleichgewichtsstörungen“ und zuletzt in dem 2024 erschienenen Buch „Erste Hilfe für Demokratie-Retter“. Zudem moderiert er im Westdeutschen Rundfunk (WDR) die Sendung „Das philosophische Radio“. Diese Mischung kommt beim Publikum an, denn er versteht es, Themen wie „Angst“ und „Unsicherheit“ mit der Stimme und Wortgewandtheit eines erfahrenen Radiomoderators zu behandeln, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen.
Zu Beginn seines Vortrages zeigte Jürgen Wiebicke ein Schachbrett: „Wer die Regeln dieses Spiels kennt, weiß, wie die Schachfiguren im Rahmen der ihnen vorgegebenen 64 Felder ziehen können. Aber was passiert mit den Figuren, wenn man ihnen dieses Brett wegnimmt? Genau so fühlen sich heute viele Menschen“, schilderte er mit diesem Bild die in der Gesellschaft gefühlte Aussichtslosigkeit. Seine Ausführungen basierten auf drei Fragen: Wie gehen wir mit der Angst um, wie mit Nichtwissen und wie kommen wir aus der Opferrolle wieder ins Handeln? Aus seiner Sicht kann ihre Beantwortung helfen, mit drängenden Problemen der Zeit umzugehen. „Die Angst tropft momentan überall förmlich von den Wänden“, erklärte Wiebicke. Die Menschen sähen keine Auswege mehr und rechneten immer mit dem Allerschlimms­ten. Dadurch habe jedoch jeder selbst dazu beigetragen, wenn diese Befürchtungen am Ende tatsächlich einträfen. In der Regel sei das Gegenteil der Fall. „Das meiste von dem, was man befürchtet, tritt niemals ein.“ Angst gehöre zum Menschen und liege in dessen Endlichkeit begründet. Sie verschwinden lassen zu wollen, sei illusionär. Mit Michel de Montaigne, dem Skeptiker und Philosophen des 16. Jahrhunderts, rät Wiebicke, sich seine Sterblichkeit immer wieder bewusst zu machen, um die begrenzte Lebenszeit hinreichend wertzuschätzen. „Die Angst ist stets in unserem Haus. Aber sie muss ja nicht neben uns auf dem Sofa sitzen. Es reicht, wenn sie in der Rumpelkammer bleibt.“ Wiebicke plädiert dafür, Zuversicht zu entwickeln – und das aus einer „radikalen Hoffnung“ heraus, wie sie der im vergangenen Jahr verstorbene US-amerikanische Philosoph Jonathan Lear beschrieb. „Radikale Hoffnung“ sei die Hoffnung, die erscheine, wenn es eigentlich gar keinen Grund mehr dafür gebe.
Der zweite wesentliche Punkt ist für Jürgen Wiebicke der Umgang mit Nichtwissen. „Unser Vorrat an Nichtwissen ist immer größer als das Wissen“, stellte er fest. „Wir behaupten aber, wir seien eine Wissensgesellschaft.“ Aus seiner Sicht müsse man einen Umgang mit diesem Nichtwissen finden. Wenn man nicht mehr ständig von sich selbst erwarte, auf alles eine Antwort haben zu müssen und ein friedliches und freundliches Verhältnis zu seinem eigenen Nichtwissen habe, sei der Weg frei für eine neue Verständigung zwischen den Menschen. „Die Basis, um Lösungen zu finden, ist das geteilte Nichtwissen.“ In den meisten Diskussionen versuche man jedoch immer nur, andere von seiner eigenen Meinung zu überzeugen, anstatt zuzugeben, dass man von einem Thema vielleicht gar keine Ahnung, geschweige denn eine fundierte Meinung dazu habe.
Die dritte entscheidende Frage sei die nach dem Handeln. Man brauche in unserer Gesellschaft einen Zugewinn an Zuversicht, um wieder ins Handeln zu kommen. Sie sei das Betriebssystem der Demokratie, die davon lebe, dass sich Menschen aktiv an ihr beteiligten. Das fehle heute mehr und mehr. An dieser Stelle kam Wiebicke auf das eingangs erwähnte Schachbrett zurück: „Man hat uns dieses Brett und seine darauf geltenden Regeln nicht weggenommen. Wir haben es noch immer. Es handelt sich dabei um unser Grundgesetz und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Man muss sich nur beteiligen wollen.“ Es sei jedoch ein Irrglaube, dass man immer viele brauche, um etwas bewegen zu können. „Wenige Einzelne bewirken viel“, erklärte Wiebi-cke. Und: „Die besten Ideen entstehen dort, wo sich Menschen wohlfühlen und zwanglos miteinander ins Gespräch kommen und weniger auf einer Mitgliederversammlung mit vorgegebener Tagesordnung.“
In Bezug auf den Vortrag von Jürgen Wiebicke stellte Pfarrer Dr. Jochen Denker zusammenfassend fest, dass das Thema, auch die christliche Gemeinde beschäftige. „In dem Vortrag kam viel religiöses Vokabular vor, wenn zum Beispiel von der ‚Hoffnung‘ und der ‚Zuversicht‘ die Rede ist. Hier wurde ausgedrückt, was Gott uns ebenfalls sagt.“ So gebe es durchaus eine gute Verbindung zwischen Wiebi­ckes Aussagen und dem christlichen Glauben.
Dass diese Veranstaltung mit ihren tiefgründigen Gedanken und Anregungen in der Reformierten Gemeinde stattgefunden hat, kommt nicht von ungefähr. Immer mal wieder gab es solche gut besuchten Abende an der Kurfürstenstraße. Seitens der Gemeinde könnte dieser Vortragsabend möglicherweise mit diesem Thema im kommenden Jahr eine Fortsetzung finden.

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