KW36 | 06.09.2026

Mahnmal im Stadtgarten hat eine neue Bedeutung

Dr. Jochen Denker mahnt, die Kriegsgefangenen von heute nicht zu vergessen

Dr. Jochen Denker hielt die Einweihungsrede für das wiederaufgestellte „Mahnmal für die Kriegsgefangenen und Vermissten“ im Stadtgarten. (Foto: LMP)

(Ro./LMP) Zum „Antikriegstag“ am 1. September wurde am letzten Dienstag das „Mahnmal für die Kriegsgefangenen und Vermissten“ im Ronsdorfer Stadtgarten wieder aufgestellt.
Dieser Gedenkstein war zunächst 1952 vom Heimkehrerverband initiiert worden, vor dem Hintergrund, dass sich damals – immerhin sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – noch viele Deutsche in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befanden.
Heute soll er eine weitergehende Botschaft vermitteln, wie Dr. Jochen Denker in seiner Einweihungsrede am Dienstag klarstellte: „Gedenken. Erinnern. Nicht vergessen. […] Da wird nicht aufgerufen, die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern die hoffentlich noch Lebenden nicht abzuschreiben und ihnen so die Gemeinschaft aufzukündigen.“ Denn auch in den heutigen Konflikten und Kriegen gebe es noch Kriegsgefangene und Vermisste, deren heute noch aktuelles Leid nicht vergessen werden dürfe.
Denker – Pfarrer der Reformierten Gemeinde in Ronsdorf und Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Wuppertal – hatte seit 2015 in einer Arbeitsgruppe mitgewirkt, die sich mit der Geschichte dieses Mahnmals beschäftigte. Denn das Denkmal ist nicht immer unumstritten gewesen und hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich.
Eine Geschichte, an der auch das SonntagsBlatt ein Kapitel zumindest in Ansätzen mitgeschrieben hat.
Anfang der 1950er Jahre war das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen ein bestimmendes Thema in Deutschland. Erst nach Stalins Tod 1953 war der Weg für Verhandlungen mit der Sowjetunion über eine Rückkehr der Gefangenen frei geworden, 1955 feierte man die von Bundeskanzler Konrad Adenauer bewirkte „Heimkehr der Zehntausend“. Obwohl, wie Ulrike Schrader – bis vor kurzem Leiterin der „Begegnungsstätte Alte Synagoge“ – bei der Wiederaufstellung des Mahnmals am Dienstag erklärte, damals auch NS-Verbrecher wie der Gynäkologe Carl Clauberg aus der Gefangenschaft freigelassen und als „Spätheimkehrer“ und „Märtyrer“ gefeiert wurden.
So gehörte es 1952 bei der Aufstellung des Steins im Stadtgarten gewissermaßen zum Zeitgeist, dass der Heimkehrerverband die Freilassung der Kriegsgefangenen forderte. Im Laufe der Jahrzehnte geriet das Mahnmal etwas in Vergessenheit. Nachdem sich der Heimkehrerverband 1999 aufgelöst hatte, nahm die Stadt Wuppertal den Stein als Schenkung an. Aufmerksam auf ihn wurde man jedoch erst 2006 wieder, als er beim Zurückschneiden einer Hecke freigelegt wurde. Einem damaligen Reporter des SonntagsBlatts fielen beim Betrachten der Inschrift „Vergesst nicht die Kriegsgefangenen und Vermissten“ die in den Wörtern „Vergesst“ und „Vermissten“ benutzten Doppel-S-Buch­staben auf, die an die germanischen Sig-Runen und damit an das Abzeichen der nationalsozialistischen „Schutzstaffel“ erinnerten. Zwei SonntagsBlatt-Artikel im November und Dezember 2006 brachten den Stein dann sozusagen ins Rollen – nach Ermittlungen der Polizei und des Staatsschutzes, forderte die Staatsanwaltschaft die sofortige Entfernung des Mahnmals.
Bei dem wiederaufgestellten Stein sind die ominösen Doppel-S-Buchstaben auf Initiative der „Begegnungsstätte Alte Synagoge“ weggemeißelt worden, um ihn nun „mit dieser absichtlich lückenhaften und damit konstruktiv irritierenden Inschrift wieder am originalen Standort aufzustellen“, wie es in einer Veröffentlichung des Vereins heißt. So bekommt der Stein angesichts des aktuellen russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, des Iran-Kriegs der USA oder des Kriegs im Sudan einen neu belebten Sinn, wie auch Dr. Denker betonte: „Unter uns leben Menschen, die hierher flohen vor Krieg und Bürgerkrieg, in deren Familie heute Menschen fehlen, weil sie in Gefängnissen oder Lagern gefangen oder vermisst sind. Vergessen wir sie nicht, selbst wenn wir sie nicht kennen.“
Der „Geschichtspark“ im Ronsdorfer Stadtgarten, der über die Grenzen Wuppertals hinaus Bekanntheit und Anerkennung findet, umfasst damit nun wieder fünf Denkmäler verschiedener Epochen und die 1990 gepflanzte Eiche, die an die deutsche Wiedervereinigung erinnert.

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